Arbeitsspuren Jacob und Wilhelm Grimms
in Pariser und Göttinger Handschriften

Recherchiert man nach den Originalquellen, die die Brüder Grimm für ihre wissenschaftlichen Arbeiten genutzt haben, stößt man immer wieder auf schriftliche Spuren, die sie in Manuskripten und Büchern hinterlassen haben. Das betrifft besonders die Göttinger, aber auch die Kasseler Bibliothek, in denen die Brüder Grimm als Bibliothekare angestellt waren. Spuren finden sich ebenfalls in der französischen Nationalbibliothek in Paris, so zum Beispiel im vorderen Vorsatzblatt des originalen Perceval-Codex, hier von Jacob Grimms Hand:

Paris, Bibliothèque nationale de France, Ms. Fr. 12576; https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b9060799h

Gemeinsam ist diesen versteckten Grimm-Autographen, dass sie nicht systematisch erfasst wurden, der Forschung meist unbekannt sind und vor allem durch Zufall gefunden werden, wenn man die Grimm’schen Lektüre- und Exzerptionswege bis zu den konkreten Quellen nachverfolgt.

Im Fall des obigen Autographen ist es anhand des Schriftbildes und der Unterschrift „Gr.“ recht einfach, Jacob Grimm als Schreiber zu bestimmen. In einer modernen Göttinger Abschrift der mittelhochdeutschen Lehrdichtung „Welscher Gast“ (Göttingen, SUB, Cod. philol. 192; von 1744) fällt es dagegen nicht auf den ersten Blick auf, dass die Bleistiftpaginierungen des Manuskripts von Wilhelm Grimm stammen. Die Handschrift ist in einem Portal zur Überlieferungsgeschichte des „Welschen Gasts“ digital einsehbar: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/wgd/handschriften/neuzeitlich.html (dort auch folgende Abbildungen aus dieser Handschrift).

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Göttingen, SUB, Cod. philol. 192, S. 148 f.

Gestoßen bin ich auf die Göttinger Abschrift des „Welschen Gasts“, als ich die Quelle von Exzerpten Wilhelm Grimms aus diesem Werk nachverfolgte. Grimms Exzerpte stehen in einem handschriftlichen Belegstellenlexikon, das er Mitte der 1820er Jahre anlegte. Dort finden sich unter anderem unter der Überschrift „Schreibgeräthe“ Auszüge aus dem „Welschen Gast“:

Staatsbibliothek zu Berlin — Preußischer Kulturbesitz, Nachlass Grimm 210, Bd. 2, S. 348; von 1824/25.

Wilhelm Grimms Kurztitel mit den Stellenangaben 148b und 173a weisen auf Buch 9 und 10 des Werks in ebenjener neuzeitlichen Göttinger Abschrift Cod. philol. 192 hin, wo sie tatsächlich zu finden sind. Auch der Vergleich einiger auffälliger Textstellen bestätigt, dass Nr. 192 die Vorlage für Grimms Exzerpte war. Außerdem wird im Berliner Nachlass-Katalog nachgewiesen, dass die Brüder Grimm Lesarten aus dem Cod. philol.192 in eine ihrer Abschriften des „Welschen Gasts“ eintrugen (siehe Breslau, T. 2, S. 739, Nr. [2168]).

Die Brüder Grimm arbeiteten also intensiv mit der Göttinger Abschrift. Auch wenn Wilhelm Grimms Arbeiten mit dem Cod. philol. 192 an dieser Stelle nicht detailliert rekonstruiert werden können, kann doch durch Handschriftenvergleich gezeigt werden, dass die Bleistiftseitenzahlen in der Göttinger Handschrift von ihm stammen. Die sicher von Wilhelm Grimm und ebenfalls mit Bleistift eingetragenen Seitenzahlen in seinem oben abgebildeten Exzerptbuch entsprechen im Duktus den Seitenzahlen der Göttinger Handschrift:

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Staatsbibliothek zu Berlin — Preußischer Kulturbesitz, a. a. O., S. 148 f.

Zum Vergleich nochmals diejenigen aus dem „Welschen Gast“:

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Göttingen, SUB, a. a. O.

Es sollte also — falls noch nicht geschehen — in der Handschriftenbeschreibung von Göttingen, SUB, Cod. philol. 192 eingetragen werden, dass die Paginierung von Wilhelm Grimm stammt.

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Einer der wenigen, die außer den Brüdern Grimm die Handschrift Nr. 192 einsahen, war unser Göttinger Kollege Klaus Düwel (1935—2020), wie das mitdigitalisierte Nutzerblatt verrät. Die Nachricht seines Todes erreichte mich, kurz nachdem ich seinen Nutzungsvermerk aus dem Jahr 1976 in der Handschrift sah.

Göttingen, SUB, a. a. O., eingeklebtes Blatt im vorderen Vorsatz.

Matthias Toplak hat einen Nachruf geschrieben, der Klaus Düwels Werk und Wirken zusammenfasst und hier online verfügbar ist: http://drtoplak.schwedentod.de/?p=1317

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