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Dieter Hennig über die alte „Kasseler Grimm-Gesellschaft“, 1973
([DieterHennig:] Brüder Grimm-Museum Kassel. Katalog der Ausstellung im Palais Bellevue. Kassel: Bärenreiter [1973])

Während des letzten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts waren in der Landesbibliothek Kassel Vorstellungen entwickelt worden, die darauf abzielten, ein Grimm-Museum zu errichten. ... der erste Bibliothekar, Edward Lohmeyer, versicherte sich der Mitwirkung des Sohnes von Wilhelm Grimm, des in Berlin lebenden Kunst- und Literarhistorikers Herman Grimm. Daraufhin luden „die Beamten der Landesbibliothek“(1), an der Jacob und Wilhelm Grimm von 1816 bzw. 1814 bis 1829 als kurfürstliche Bibliothekare tätig gewesen waren, für den 13. 11. 1896 zu einer Besprechung ein. Die neunzehn erschienenen Teilnehmer beschlossen einstimmig, einen aus elf Mitgliedern bestehenden „engeren Ausschuß zur Förderung einer Kasseler Grimm-Sammlung“ ins Leben zu rufen, zu dessen Vorsitzenden Lohmeyer bestimmt wurde; Herman Grimm trug man die dankbar angenommene erste Ehrenmitgliedschaft des bald aus etwa fünfzig Mitgliedern bestehenden „weiteren Ausschusses“ an(2). ... Nach einem am 1. 12. 1896 ergangenen öffentlichen Aufruf zur Förderung und zum Ausbau der Kasseler Grimmsammlung gingen auf der Landesbibliothek eine Anzahl recht wertvoller Geschenke ein. Zur besseren Förderung der verfolgten Zwecke beschloß der Gesamtausschuß am 29. 1. 1897, einer Anregung des Bibliothekars Karl Scherer folgend, eine förmliche „Kasseler Grimm-Gesellschaft“ ins Leben zu rufen. Dieser Tag gilt als Gründungstag; die Satzung wurde durchberaten, am 16. 3. in endgültiger Form angenommen und am 15. 5. im Druck veröffentlicht. Ihr Ziel war so formuliert: „§ 1. Die Kasseler Grimm-Gesellschaft stellt sich die Aufgabe, das Andenken an die Brüder Grimm in einer ihrer hohen Bedeutung entsprechenden Weise zu ehren.  § 2. Dies Ziel sucht die Gesellschaft insbesondere zu erreichen 1. durch die Sammlung, die, im Anschluß an den auf der Landesbibliothek in Kassel vorhandenen Grundstock, Erinnerungen aller Art an die Brüder, an ihren Verwandten- und an ihren Freundeskreis vereinigt und in das Eigentum der genannten Anstalt übergeht, soweit nicht anderweite Rechte vorbehalten sind, 2. durch Veranstaltung von Vorträgen, 3. durch Unterstützung und Herausgabe von wissenschaftlichen Arbeiten, welche die Grimm-Literatur zu bereichern und zu vertiefen geeignet sind, 4. durch Verbreitung der Schriften der Brüder, 5. durch Ansammlung von Geldmitteln, die dazu dienen sollen, ein Grimmdenkmal in Kassel zu errichten.“(2)
Es wurden Vorträge gehalten und Anfang Mai 1897 in der Landesbibliothek bereits eine recht reichhaltige Grimm-Ausstellung veranstaltet. Die Mitgliederzahl belief sich auf knapp einhundert. Bei einem Mitgliedsbeitrag von 1 Mark waren die zur Verfügung stehenden Geldmittel allerdings außerordentlich gering und ermöglichten kaum, die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Immerhin waren bis 1906 durch Kauf und Schenkung 163 Originalbriefe, Familienpapiere und 95 Nummern Hand- und Druckgraphiken Ludwig Emil Grimms zusätzlich zum Bestand der Landesbibliothek erworben worden.
Über die weiteren Tätigkeiten dieser Gesellschaft ist nichts mehr in Erfahrung zu bringen; es hat den Anschein, daß sie mit dem Ableben ihrer Initiatoren zum Erliegen kam.
Mitten im Zweiten Weltkrieg, am 13. 4. 1942, kam es unter seltsamen Umständen zur Gründung einer neuen Grimm-Gesellschaft. ...

(1) Edward Lohmeyer: Die Kasseler Grimm-Gesellschaft 1896 bis 1905. Erster Geschäftsbericht. Kassel 1906, S. 3.
(2) Wie Anm. 1, S. 30.

 

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                            Grimmnetz 27.01.2015