Jacob Ludwig Carl Grimm und Wilhelm Carl Grimm werden am 4. 1. 1785 und am 24. 2. 1786 in eine hessische Beamten- und Pastorenfamilie hineingeboren. Auf Jacob und Wilhelm folgen noch drei Brüder und eine Schwester, von denen Ludwig Emil Grimm (1790—1863) als Maler und Graphiker bis heute bekannt ist. Ihre Kindheit und frühe Schulzeit verbringen Jacob und Wilhelm Grimm in steinau2der Main- und Kinziggegend in den Städtchen Hanau und Steinau. Unter Einfluß einer ländlichen Umgebung formen sich ihre Persönlichkeiten, wobei vor allem die im Familienkreis erfahrenen Werte von Bedeutung sind. 1796 stirbt der Vater Philipp Wilhelm Grimm an einer Lungenentzündung, wodurch der elfjährige Jacob bereits die Stellung eines Familienoberhaupts übernehmen muß. Ökonomische Unterstützung leistet den Brüdern Grimm fortan für etwa ein Jahrzehnt eine Tante, die in Kassel Hofdame der hessischen Kurfürstin ist.




Das Amtshaus in Steinau, Dienstwohnung des Vaters der
Brüder Grimm und seiner Familie. Das erhalten gebliebene
Haus ist heute ein Museum. Historische Aufnahme um 1900.

1798
Mit Blick auf ein ihnen noch vom Vater vorbestimmtes Jurastudium werden die Brüder Grimm im Herbst Schüler des Lyceum Fridericianum in Kassel.

1802
Jacob Grimm schließt mit Unterprima seine Gymnasialausbildung ab und immatrikuliert sich am 30. April an der juristischen Fakultät der Marburger Universität. Wilhelm ist durch monatelange schwere Krankheit in der Schulausbildung zurückgeworfen und folgt deshalb erst 1803 nach Marburg. Beide empfinden ihr Alleinsein schmerzlich, Jacob wird aber durch die nur schwer zu bewältigende Arbeit und neue Eindrücke abgelenkt.

1803
Bedeutendstes Studienerlebnis der Brüder Grimm ist Professor Friedrich Carl von Savigny — ein damals vierundzwanzigjähriger, überzeugender Lehrer, der es vermag, die Brüder Grimm in kurzer Zeit Ausgangspunkte entwickeln zu lassen, von denen aus sie ihr weiteres Lebensav2 und Arbeiten gestalten können. Der Einfluß Savignys auf die Brüder Grimm betrifft einerseits die wissenschaftliche Methode, andererseits öffnet sich ihnen durch Savigny ein Beziehungsfeld, das ihr Leben und Arbeiten zumindest für die folgenden zehn Jahre bestimmt: die Brüder Grimm werden in die heute als “Heidelberger Romantiker” bezeichnete Künstler- und Wissenschaftlergruppe aufgenommen. Diesem Kreis gehören um 1803/04 außerdem Clemens Brentano, Sophie Mereau, Achim von Arnim sowie in weiterer Entfernung Friedrich und Leonhard Creuzer, Bettina Brentano, Caroline von Günderode, Pfarrer Schwarz in Echzell, Pfarrer Bang in Goßfelden und Joseph Görres an.

                                                                                                                       Savigny 1815. Porträtiert von L. E. Grimm.   

Im Januar lädt Savigny Jacob Grimm als Helfer beim Quellenstudium für seine “Geschichte des Römischen Rechts im Mittelalter” nach Paris ein. Schon in den ersten Tagen nach Jacobs Abreise wird ihm und Wilhelm die Trennung voneinander unerträglich. Durch Reflexion dieser Unerträglichkeit kommt es zum Beschluß über das lebenslange Zusammenleben der Brüder Grimm, ausdrücklich formuliert in Jacobs Brief vom 12. 7. 1805: “Lieber Wilhelm, wir wollen uns einmal nie trennen, und gesetzt, man wollte einen anders wohin tun, so müßte der andere gleich aufsagen. Wir sind nun diese Gemeinschaft so gewohnt, daß mich schon das Vereinzeln zum Tode betrüben könnte.”
   Mit dem Zusammentragen von Volksbüchern und dem Studium der Pariser Minnesängerhandschrift durch Jacob Grimm beginnt in Biographie und Werk der Brüder Grimm ein Jahrzehnt der Sammlungen (1805—1815), das durch ein Überwiegen der Materialerfassung über alle Formen der Interpretation oder Abstraktion gekennzeichnet ist. Dieses Phänomen hat seinen Grund in der von Savigny übernommenen vorherrschend induktiven Arbeitsweise der Brüder Grimm. Wesentliche Ergebnisse dieser Periode sind folgende Werke: W. Grimm, “Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen” (1811); J. und W. Grimm, “Kinder- und Hausmärchen” (Bd. 1 1812, Bd. 2 1815); J. und W. Grimm, “Die beiden ältesten deutschen Gedichte aus dem 8. Jahrhundert: Das Lied von Hildebrand und Hadubrand und das  Weißenbrunner Gebet” (1812); J. und W. Grimm, “Die Lieder der alten Edda” (1815); J. und W. Grimm, “Der arme Heinrich von Hartmann v. Aue” (1815); J. Grimm, “Silva de romances viejos” (1815); J. und W. Grimm, “Deutsche Sagen” (T. 1 1816, T. 2 1818). Die von den Brüdern Grimm herausgegebene Zeitschrift “Altdeutsche Wälder” (3 Bde. 1813—1816) führt aus dem Sammlungs-Jahrzehnt heraus.

1806
Ohne jemals eine Prüfung abgelegt zu haben, wird Jacob Grimm in Kassel als Kriegssekretär angestellt. Wilhelm besteht sein juristisches Examen.

1807
Nachdem Jacob Grimm schon 1805 in Paris eine feste Neigung zum Studium des deutschen Altertums und eine damit verbundene Abneigung gegen die Rechtswissenschaft bei sich festgestellt hatte, schreibt er am 9.3.1807 einen Bekenntnisbrief an Savigny, worin er seinen unumstößlichen Entschluß, "das Studium der Jurisprudenz aufzugeben", mitteilt. Nach der Errichtung des Königreichs Westphalen scheidet Jacob Grimm Ende des Jahres aus seinem Amt im Kriegskollegium. Im Herbst und Winter 1807/08 leben Achim von Arnim und Clemens Brentano mit den Brüdern Grimm in Kassel zusammen, wo unter Beteiligung der Grimms Bd.2 und Bd.3 von "Des Knaben Wunderhorn" zum Druck vorbereitet werden. Gleichzeitig zeichnen die Brüder Grimm Märchen aus mündlicher Überlieferung auf.

1808
In der von Arnim in Heidelberg herausgegebenen "Zeitung für Einsiedler" erscheint Jacob Grimms erster grundlegender Aufsatz "Gedanken: wie sich die Sagen zur Poesie und Geschichte verhalten". Darin verwendet er das vor allem von Schiller und F. Schlegel geprägte Denkmodell einer Unterscheidung zwischen naiver und sentimentalischer Dichtung bzw. Natur- und Kunstpoesie. Diese Unterscheidung ist für die seinem Werk immanente übergreifende Ansicht der europäischen Kultur- und Literaturgeschichte von nie verlorengehender Bedeutung. Im Juli wird Jacob Grimm Privatbibliothekar des westphälischen Königs Jérome Bonaparte, eines jungen Bruders von Napoléon. 1809 werden sein Gehalt erhöht und er zum Mitglied des königlich-westphälischen Staatsrates befördert, während sein Bruder Wilhelm bis 1814 vor allem wegen seines sehr labilen Gesundheitszustandes ohne jede Anstellung bleibt.

1808/09
In einem tiefgehenden Konzept- und Methodenstreit, der sich an J.H. Voß' Rezension von "Des Knaben Wunderhorn" entzündet, bilden die Brüder Grimm ihr wissenschaftliches Anliegen im Unterschied zum Künstlertum ihrer Freunde Arnim und Brentano aus. Jacob Grimm behauptet im Verlauf dieses Streits die strenge Achtung vor dem Detail und vor der überlieferten Form (bis zum Verwerfen jeglicher literarischen Übersetzung) als Grundvoraussetzung für Literaturwissenschaft, während Wilhelm eine Neigung zur poetischen Wiederbelebung alter Texte beibehält. Jacob Grimm schreibt: "So wenig sich fremde edele Tiere aus einem natürlichen Boden in einen andern verbreiten lassen, ohne zu leiden und zu sterben, so wenig kann die Herrlichkeit alter Poesie wieder allgemein aufleben, d.h. poetisch, allein historisch kann sie unberührt genossen werden."

1813
Nach der "Völkerschlacht" bei Leipzig im Oktober kehrt der hessische Kurfürst Ende November nach Kassel zurück und ernennt Jacob Grimm am 23. Dezember trotz dessen vorheriger "Kollaboration" mit den Okkupanten zum Legationssekretär. Am 30. Dezember reist Jacob Grimm in diplomatischem Auftrag zum Hauptquartier der Alliierten.

1814
Bis Juli ist Jacob Grimm als Diplomat in Paris, von September 1814 bis Juni 1815 gehört er der kurhessischen Delegation zum Wiener Kongreß an.

1815
Im Auftrag der hessischen und preußischen Außenministerien ist Jacob Grimm Ende des Jahres in Paris bei der Rückführung deutscher Kulturgüter tätig.

1816
Am 16. April wird Jacob Grimm zweiter Bibliothekar in Kassel, wo Wilhelm schon seit 1814 Bibliothekssekretär ist. Diese Dienstverhältnisse ermöglichen die (nach Jacob Grimms Aussage) "ruhigste, arbeitsamste und vielleicht auch fruchtbarste Zeit" ihres Lebens (1816-1829), in der sie unangefochtene wissenschaftliche Autorität erwerben. Günstige äußere Bedingungen setzen an diesem Punkt das riesige Potential wissenschaftlicher Arbeitskraft frei, das Jacob Grimm besitzt und das sich 1819 im ersten Band der "Deutschen Grammatik" vergegenständlicht. Nach Wilhelm Scherer ("Jacob Grimm", 1864-65) ist das Erscheinen der "Deutschen Grammatik" als Durchbruch zur Wissenschaftlichkeit und eigentlicher Wendepunkt in Grimms Schaffen zu werten.

1819
Bd. 1 von Jacob Grimms “Deutscher Grammatik” erscheint nach vierzehnmonatiger Druckzeit. Die Grammatik verhält sich zu Grimms früheren Arbeiten zunächst als Hilfswissenschaft, weil zum Zweck einer übernationalen “Geschichte der Sage” das Eindringen in die Historie und verzweigte Verwandtschaft der europäischen Nationalsprachen erste Voraussetzung ist. Der enge Zusammenhang zwischen Jacob Grimms wissenschaftlichen Anfängen und der “Deutschen Grammatik” läßt sich aus Vorrede und Widmung von Bd. 1 ersehen. Während dieses Werk für Grimm selbst in individuelle Kontinuität fällt, bedeutet es für die europäische Sprachwissenschaft einen Markstein und unvergleichlichen Umbruch. Die noch im 18. Jahrhundert weitgehend unangefochtene Anknüpfung historischer Sprachuntersuchung an biblische Dogmen, aus denen stark vereinfachend auf das Hebräische als Ursprache aller Menschen geschlossen worden war, ist für die “Deutsche Grammatik” belanglos. Statt dessen wird (anknüpfend an bahnbrechende Arbeiten von Friedrich Schlegel, Rasmus Kristian Rask und Franz Bopp) in wissenschaftlich abgesicherter Weise die altindische Sprache Sanskrit als älteste historisch nachweisbare Stammform der indogermanischen und in Eingrenzung auf Grimms Untersuchungsbereich das Gotische als ältester belegter Prototyp der germanischen Sprachfamilie angenommen. “Man muß sich wundern”, schreibt Jacob Grimm in seiner Vorrede, “wie unkritisch die neueren Sprachen alle und zumal die des deutschen Stammes behandelt worden sind … Die Grammatiker … bekümmerten sich selten oder gar nicht um die Denkmäler der mittleren geschweige der alten Zeit, sondern achteten höchstens auf das nächstvorhergehende …”
Das Wort “deutsch” verwendet Jacob Grimm in seiner Grammatik und anderen sprachwissenschaftlichen Schriften bedeutungsnah zu “germanisch”, d. h. als Bezeichnung des gesamten Sprachstammes, dem das Neuhochdeutsche zugehört. Für alle ihm erreichbaren Sprachen dieses Stammes in ihren wesentlichen historischen Stufen sucht er historisch differenzierende Regeln zu erkennen und in Beispielreihen zu belegen. Wie W. v. Humboldt verwendet Grimm bei der Einschätzung der Regelhaftigkeit von Sprachen innerhalb verschiedener Kulturstufen die Worte “organisch” und “unorganisch” im Sinn von “regelmäßig” und “unregelmäßig”. Das “Unorganische” führt er auf Entlehnung und Mischung zurück, unter der Voraussetzung, daß es bei ungestörter organischer Entwicklung von Sprachen nur organische Gebilde gibt und daß das unorganisch Scheinende in der Regel auf mangelhafter Erkenntnis beruht, also auf einem Defizit beim Betrachtenden und nicht im Objekt. Als Aufgabe des Grammatikers sieht es Jacob Grimm an, die der Sprache immanenten Regeln zu erkennen, nicht aber ihr Regeln zu setzen. Er betont ausdrücklich seinen Gegensatz gegen alle kritische, d. h. praktische und gesetzgebende, und darüber hinaus gegen alle philosophische, d. h. nach Lösung allgemeiner Daseinsprobleme strebende Grammatik.
Statt einer “Deutschen Grammatik” ist dieses Hauptwerk Jacob Grimms ein nach Einzelphänomenen der Morphologie, Wortbildung und Syntax gegliederter vergleichender Abriß der Grammatiken germanischer Sprachen auf ihren ältesten, mittleren und jüngsten Entwicklungsstufen. Bd. 1 (1819, 2. Aufl. 1822, 3. Aufl. 1840) behandelt die Flexion, von der zweiten Ausgabe an unter Hinzunahme ausgedehnter Untersuchungen “Von den Buchstaben” (Lauten), worin erstmals die germanische und die hochdeutsche Lautverschiebung an Beispielreihen nachgewiesen und in bis heute nicht wesentlich veränderter Sicht zum Hauptkriterium für die Periodisierung der deutschen Sprachgeschichte gemacht werden (“Grimms Gesetz”). Bd. 2 und 3 (1826 und 1831) sind der Wortbildung, der Jacob Grimms stärkste Neigung galt, zugewandt. Bd. 2 enthält die Darstellung des Ablauts. Bd. 3 beschäftigt sich überwiegend mit dem grammatischen Geschlecht. Bd. 4 (1837) behandelt die Syntax des einfachen Satzes. In dem nicht geschriebenen Bd. 5 hätte die Syntax des zusammengesetzten Satzes behandelt werden sollen.

1821
Wilhelm Grimms seinerzeit bedeutende Schrift "Über deutsche Runen" (der Versuch einer Parallelarbeit zu den Sprachstudien seines Bruders) weist aus allen damals erreichbaren Quellen das Vorhandensein der Runenschrift bei den Sachsen und deren Rolle für die Verbreitung der Runen nach. Damals gab es noch keinerlei Bestätigung dieser Thesen durch originale Runenfunde (solche gelangen erst Mitte des 19. Jh.)

1825
Als die Schwester Lotte wegen ihrer Heirat mit einem hessischen Politiker den Grimmschen Haushalt verläßt, heiratet Wilhelm Grimm seine frühere Nachbarin, die Apothekerstochter Dortchen Wild. Diese Heirat gibt dem Zusammenleben der Brüder Grimm die bis zu beider Tod unveränderte Form.

 

1827
Jacob Grimm beginnt unter Wiederaufnahme früher angesammelter Materialien die Arbeit an den "Deutschen Rechtsaltertümern", einer Sammlung lokaler deutscher Rechtstraditionen und Rechtsvorschriften, deren erster Band 1828 erscheint.

1829
Wilhelm Grimms Hauptwerk "Die deutsche Heldensage" erscheint, mit dem er auf seine Art näher an dem einstigen Vorhaben einer "Geschichte der Poesie" geblieben ist als sein Bruder. Für beide war "Geschichte der Poesie" nur denkbar als Geschichte der Sage, d.h. Geschichte der poetischen Substanz, Stoff- und Motivgeschichte. "Sagen" sind im Grimmschen Verständnis mündlich und anonym durch das Volk überlieferte poetische Grundanschauungen. Die Gesamtheit mündlicher Volksüberlieferung ist "Sage", aus der schriftlichen Überlieferung aber nur der Teil, bei dem man aufgrund von Beweisen oder Anzeichen einen Ursprung in der mündlichen Volksüberlieferung vermuten kann. Weil der erste Strang zur Grimm-Zeit schon überwiegend versiegt ist, unternimmt es Wilhelm Grimm, alles, was im zweiten, schriftlichen Bereich die Heldensage direkt oder indirekt belegt, zusammenzustellen. Anknüpfend an eine Vorarbeit in den "Altdeutschen Wäldern", sammelt er literarische Zeugnisse für die in ihrem Ursprung in einer klassenlosen Frühzeit angesetzten Heldensagen. In ihrer Art ist diese Belegsammlung für die einstige Ausbreitung der Heldensage eine heute noch gut zu verwendende Arbeit.

1830
Mit der Übernahme von Bibiothekars- und Professorenstellen an der Universität Göttingen treten die Brüder Grimm in einen neuen Abschnitt ihres Lebens ein, der durch die Wirksamkeit im Lehramt (1830—1837) gekennzeichnet ist. Der Umzug war nach jahrelangen Spannungen mit dem hessischen Kurfürsten nötig geworden, die sich in demütigender Behandlung der Brüder Grimm niedergeschlagen hatten.
Jacob Grimm liest an der Göttinger Universität über “Die Grammatik der alten deutschen Sprache mit Hinsicht auf die heutige”, “Die Geschichte der deutschen Literatur von der ältesten bis zur neuesten Zeit”, “Diplomatik” (Paläographie), “Tacitus Germania”, “Die Geschichte der Altertümer des deutschen Rechts” und “Erklärung einzelner Stücke aus Wackernagels altdeutschem Lesebuch”. Wilhelm kündigt mehrere Vorlesungen an, von denen nur “Das Gedicht der Nibelungen” und “Die Gudrun” durchgeführt werden.
Wegen der ungewohnten Auslastung durch ihre Stellung an Universität und Bibliothek finden sie sich besonders in den ersten Göttinger Jahren zu häufigen Klagen veranlaßt; gleichwohl stellen sie in Göttingen auch eine ansehnliche Zahl bedeutender Veröffentlichungen fertig.

1832
Jacob Grimms mit sehr viel Beifall aufgenommene "Deutsche Mythologie" (2 1844, 3 1854) rekonstruiert die religiösen Vorstellungen der deutschen Stämme vor der Christianisierung, beschränkt auf das engere Reichsterritorium und unter nur vergleichender Heranziehung der reicher überlieferten skandinavischen Quellen. Das Mosaik setzt sich aus überlieferten Bruchstücken und Berichten, Sprachanalyse, Rückschlüssen aus dem Aberglauben und Relikten der einheimischen Religion im volkstümlichen Christentum (der "interpretatio christiana" vorgefundener Fremdlehren) zusammen. Auch auf ideologischem Gebiet - wie in der Grammatik auf sprachlichem - gelangt J. Grimm zur Annahme einer "gründlichen urgemeinschaft der europäischen völker" und nimmt das Phänomen von "übergängen aus dem morgenland" wahr, das Th. Benfey später in den Mittelpunkt seiner die Brüder Grimm ergänzenden und zum Teil überholenden Arbeiten rückt.

1833
Als J. Grimm den Staat ohne sichtbaren Grund die Rechte der Universitätslehrer schmälern und mehrmals die der Studierenden antasten sieht, verteidigt er in zwei Rezensionen die herkömmliche, autonome Verfassung der deutschen Universitäten als Voraussetzung ihrer Tätigkeit.

1834
Jacob Grimm, "Reinhart Fuchs". Bis heute maßstabsetzender Ausgangspunkt der Erforschung des mittelalterlichen Tierepos. J. Grimm verbindet eine Edition teilweise erstmals im Druck erscheinender epischer Gestaltungen des niederdeutsch-niederländischen, aus dem romanischen Bereich stammenden Stoffes mit einer eingehenden Untersuchung des Tierepos. Grimms Grundannahme, "Reinhart Fuchs" sei ein allen indogermanischen Völkern aus ihrer Frühzeit gemeinsamer Sagenstoff, ist seither widerlegt worden.

1837
18.11.: Protest der "Göttinger Sieben" (Professoren Dahlmann, Gervinus, J. und W. Grimm, Ewald, Albrecht, Weber) gegen die am 1.11. erfolgende gesetzwidrige Aufhebung der hannoverschen Landesverfassung durch den neuen König Ernst August. Rechtlich begründete Erklärung, "daß das Staatsgrundgesetz seiner Errichtung und seinem Inhalte nach gültig sei". Sie könnten "es nicht stillschweigend geschehen lassen, daß dasselbe ohne weitere Untersuchung und Verteidigung ... allein auf dem Wege der Macht zugrunde gehe", vielmehr hielten sie sich "durch ihren auf das Staatsgrundgesetz ... geleisteten Eid fortwährend verpflichtet". 4.12.: Vernehmung der Professoren vor dem Universitätsgericht. 11.12.: Entlassungsdekrete des Königs für alle sieben. 12.12.: zusätzliche Ausweisungsdekrete gegen Jacob Grimm, F.C. Dahlmann und G.G. Gervinus wegen Verbreitung der Protesterklärung. Am 16.12. findet J. Grimm Asyl (ohne ausreichende Heizung und ohne seine Bücher) bei seinem Bruder Ludwig Emil, Professor an der Akademie der bildenden Künste Kassel.

1838
Vom 12. bis 16.1. schreibt Jacob Grimm den Aufsatz "Jacob Grimm über seine Entlassung". Anschließend Herausgabe seiner Weistümer-Sammlung. Im Herbst Abschluß eines Vertrages mit der Weidmannschen Buchhandlung über die Ausarbeitung eines historischen "Deutschen Wörterbuchs", das den gesamten Wortschatz der neuhochdeutschen Epoche von Luther bis Goethe enthalten soll. - Anfang Oktober: Wilhelm Grimms Familie siedelt von Göttingen nach Kassel über.

1840
Am 2.11. werden die Brüder Grimm von dem neuen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. als Mitglieder der Akademie der Wissenschaften mit einem Sondergehalt nach Berlin berufen. Damit endeten die seit 1837 angestrengten, in einzelnen Punkten widersprüchlichen Bemühungen Bettina von Arnims, A. von Humboldts, F.C. von Savignys, K. Lachmanns und anderer um die Anstellung der Brüder Grimm in Berlin letztlich erfolgreich. Die Grimms kommen in sozial gehobene, materiell großzügigere Verhältnisse, die ihnen jedoch politische Zurückhaltung auferlegen. Ihre Berliner Alterszeit ist durch die Arbeit am "Deutschen Wörterbuch" und akademische Ehrenpflichten geprägt (z.B. ist J. Grimm Mitglied in der Kommission zur Bearbeitung der Prachtausgabe "Oeuvres de Frédéric le Grand", 31 Bde., 1846-1857). Bis 1848 (Jacob) und 1852 (Wilhelm) halten sie auch Vorlesungen an der Berliner Universität.

1844
24.2.: Wie schon 1843 Fackelzug Berliner Studenten zu Wilhelm Grimms Geburtstag, der auch auf die Teilnahme der Brüder Grimm am Göttinger Protest anspielt und diesmal durch einen Nebenumstand zum Eklat führt. Der aus politischen Gründen seiner Professur an der Breslauer Universität enthobene und zufällig anwesende H. Hoffmann von Fallersleben wird von den Studenten gefeiert. Sofortige Ausweisung Hoffmanns aus Berlin. Wilhelm und Jacob Grimm schenken dem Gerücht Glauben, die studentische Ehrung Hoffmanns sei von diesem selbst inszeniert worden, und brechen alle Beziehungen zu ihm ab. Heftige Kritik Bettina von Arnims an der Grimmschen Distanzierung von Hoffmann, schwere Trübung des Verhältnisses zwischen Bettina und den Grimms.

1846/47
Germanistenkongresse in den freien Reichsstädten Frankfurt a.M. und Lübeck, auf denen die Germanistik als eine Verbindung von Erforschern des deutschen Rechts, der deutschen Geschichte, Sprache und Literatur erstmals ins Blickfeld der breiten Öffentlichkeit tritt. Durch die beherrschende Stellung von vier der sieben aus Göttingen vertriebenen Professoren und weiterer liberal denkender Gelehrter erhalten die Versammlungen eine unverkennbare politische Dimension.

 

1848
24.5.: Jacob Grimm Abgeordneter des rheinpreußischen Bezirks Essen-Mülheim in der Frankfurter Nationalversammlung. Er schließt sich nach seiner Überzeugung Anträgen verschiedener Richtungen an und setzt sich dafür ein, der staatlichen Einigung Priorität in der Arbeit des Parlaments zu verschaffen und den Beschluß einer deutschen Verfassung zu beschleunigen. Grundrechteantrag Grimms auf Freiheit des Individuums, Schutzrecht für ausländische Unfreie (Sklaven) auf deutschem Boden und Ächtung des Sklavenhandels bei Strafe aberkannten Bürgerrechts. Anträge auf Abschaffung aller rechtlichen Unterschiede zwischen den Ständen, Abschaffung der Orden im Zivilleben und Verhinderung der Erbfolge des dänischen Königs in den zum deutschen Reich gehörenden schleswig-holsteinischen Herzogtümern. - In Frankfurt schließt J. Grimm die "Geschichte der deutschen Sprache" ab. Mittels der Analyse von Sprachquellen verfolgt er die Verwandtschaft und Abstammung des deutschen Volkes und seiner Sprache bis in frühestdenkbare Zeiten. Dabei entwickelt er eine verdienstvolle Charakteristik derjenigen germanischen Sprachen, von denen keine zusammenhängenden Texte überliefert sind: des Langobardischen, Burgundischen, Vandalischen und Salfränkischen.

1849
Jacob Grimms Rede "Über Schule Universität Akademie" krönt die Aktivitäten der Preußischen Akademie der Wissenschaften, die im Zuge der bürgerlichen Revolution gegen sie in der Öffentlichkeit aufgekommene Mißstimmung zu überwinden. Er stellt die Berechtigung der Akademie innerhalb des Systems wissenschaftlicher Insititutionen Deutschlands dar und negiert mittels dieser innerwissenschaftlichen Begründung die Kritik an der Akademie als einer undeutschen und unfruchtbaren Einrichtung fürstlicher Staatsrepräsentation.

1851
3.7.: Akademie-Rede Jacob Grimms auf den verstorbenen Königsberger und Berliner Philologen Karl Lachmann, der durch seine Ausgaben die methodische Grundlage für die Textkritik mittelhochdeutscher Dichtungen geschaffen hat. In der Rede und in einer Rezension beweist J. Grimm sachlich und ohne Schädigung von Lachmanns Andenken, daß dessen Ausgabe des Nibelungenliedes nach einem nirgends begründeten Zahlensystem eingeteilt ist und daß Lachmann nach diesem Zahlensystem auch die vorgeblich allein "echten" Liedtexte hergestellt hat. Die Grimm nahestehenden Anhänger Lachmanns nehmen diesen Nachweis so übel, daß sie sich plötzlich und in ostensibler Weise von ihm abwenden.

1854
"Deutsches Wörterbuch", Bd.1. Umfassende Vorrede Jacob Grimms mit wichtigen Anregungen zur Lexikographie, Sprachgeschichte, Orthographie und Sprachpflege. In den folgenden Jahren arbeiten die Brüder Grimm das Wörterbuch selbst noch bis zum vierten Band (Artikel "Frucht") aus.

1859
"Den 16. Dezember 1859, nachmittags 3 Uhr, starb mein lieber Bruder Wilhelm an den Folgen eines Rückgratblutgeschwürs (Karfunkel), das sich zuletzt nach innen schlug. Er wäre den 24. Febr. 1860 74 Jahre alt geworden." (Notiz Jacob Grimms in der Familienbibel.)

1863
20.9.: Jacob Grimm stirbt nach zwei Schlaganfällen in Berlin. Die Grabstelle der Brüder Grimm befindet sich auf dem St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Eine gekürzte Fassung der (für diese Internet-Publikation überarbeiteten) Zeittafel erschien in:
Jacob und Wilhelm Grimm. Ein Lesebuch für unsere Zeit. Berlin: Aufbau 1993.